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Entsetzen über »Wulff im Schafspelz« | Drucken |  E-Mail
Kultur
Mittwoch, den 16. Juni 2010 um 07:03 Uhr

PopetownSie halten die Bibel für das wahre und irrtumsfreie Zeugnis eines Gottes, Homosexuelle für umerziehbar und bekennen sich zum klaren Missionsauftrag gegenüber der gesamten Menschheit: Evangelikale. Solche Menschen gibt es auch in Deutschland. Etwa 1,3 Millionen sind es und sie werden immer mehr. Zu den weltweit insgesamt 600 Millionen Christen mit der »Mission Gottesreich« gehört auch der CDU-Politiker Christian Wulff. Jetzt will Wulff Bundespräsident werden.

Wenn ein Politiker aufgrund seiner Arbeit in einer Partei populär ist, dann ist das eine Sache. Für ihn zählt, wieder gewählt zu werden. Was er sich bei seiner Arbeit denkt, ist nur sekundär bedeutsam denn die Ergebnisse zählen. Und welche Interessen Politiker in ihrer Freizeit verfolgen, bleibt in der Regel eindeutig ihre Privatsache. Nur wenn so ein Mensch zum höchsten Repräsentanten Deutschlands werden will, wird ein anderer Blick auf ihn nötig. Die säkularen Organisationen in Deutschland sind sich einig: Ein Kurator von »ProChrist« ist als Bundespräsident nicht akzeptabel.

Denn im Falle des bisherigen niedersächsischen Ministerpräsidenten, der am Ende des Monats Bundespräsident sein will, nährt der Blick bei vielen Menschen die schlimmsten Befürchtungen: Christian Wulff unterstützt offen »ProChrist« und fördert so das Betreiben einer fundamentalistischen Evangelisationskampagne, welche die Menschheit von überholten Wahrheiten überzeugen will. Über die Kandidatur des Christian Wulff regt sich deshalb nun blankes Entsetzen: »Ein Bundespräsident, der Gruppierungen unterstützt, die aufgrund religiöser Wahnideen die Evolutionstheorie leugnen und Schwulenhetze betreiben, ist völlig untragbar«, meint dazu Michael Schmidt-Salomon. Der im deutschsprachigen Raum populäre Philosoph ist unter anderem Vorstandssprecher der Giordano Bruno Stiftung, die sich für eine aufgeklärte Alternative zu den »Wahnideen« von religiösen Menschen wie Wulff einsetzt. Mit Blick auf die bevorstehende Wahl betont Schmidt-Salomon: »Christian Wulff ist für das Amt des Bundespräsidenten denkbar ungeeignet.« Und hinter dieser entschiedenen Position Schmidt-Salomons stehen schlechte Erfahrungen, auch mit dem letzten Bundespräsidenten. Alleine ist die Giordano Bruno Stiftung mit dieser ablehnenden Haltung nicht.

Schon Horst Köhler warb offen für die christliche Religion


Frühere Bundespräsidenten traten immer wieder offensiv für die Interessen der Großkirchen ein und warben offen mit ihren religiösen Überzeugungen. So machte sich zuletzt Bundespräsident Horst Köhler bei vielen religions- und konfessionsfreien Menschen dadurch unbeliebt, dass er im Dezember 2009 öffentlichkeitswirksam die Bibel als wichtigstes Buch das er kenne empfahl. Noch kurz vor seinem überraschenden Rücktritt Anfang Juni forderte Köhler die christlichen Kirchen in einem Interview auf, sich verstärkt der religiösen Überzeugungsarbeit zu widmen. »Kämpfen Sie um jeden Einzelnen«, formulierte Köhler seine entschiedene Befürwortung des Missionsauftrags der Kirchen, von denen vorher vor allem die katholische durch vielfältige Skandale eine traurige Aufmerksamkeit erregt hatte. Säkulare Organisationen wie der Humanistische Verband Deutschlands und der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) kritisierten diese dem Amt des Bundespräsidenten unangemessene Parteinahme Horst Köhlers für die Kirchen scharf. Aber Köhler, der bei Amtsantritt noch »Präsident aller Deutschen« sein wollte, positionierte sich immer deutlicher für die christlichen Religionen und ignorierte mit seinen Äußerungen die Interessen von etwa 40 Prozent der deutschen Bevölkerung. Er ignorierte die Realität.

Humanistische Lebensauffassung unter Konfessionslosen

Denn lediglich knapp 60 Prozent der Einwohner Deutschlands waren 2009 noch davon überzeugt, dass die evangelische oder katholische Kirche, Christian Wulff gehört letzterer an, ihre inneren Ideen und Überzeugungen angemessen vertreten würde. Schon vor den Anfang 2010 bekannt gewordenen Sex-Skandalen in der katholischen Kirche betrug die Zahl der Austritte bei den Religionsgemeinschaften jährlich rund eine Viertelmillion. Die Zahl der konfessionsfreien Menschen stieg indes auf eine Größe, dass diese Bevölkerungsgruppe den Mitgliederzahlen von evangelischer und katholischer Kirche ebenbürtig wurde. Wissenschaftliche Untersuchungen stellten außerdem fest, dass die Zahl der religionsfreien Menschen die Zahl der religiösen Menschen in Deutschland übertrifft. Aber obwohl laut repräsentativen Umfragen 80 Prozent der Menschen ohne Kirchenmitgliedschaft eine religionsfreie und humanistische Weltanschauung teilen, blieben deren Interessen in der Regel nicht nur unberücksichtigt. Zahlreiche Politiker neben Köhler ergriffen immer offener Partei für die Verbreitung der biblischen Ideen, um den Mitgliederschwund der Kirchen zu bremsen. Sogar der ehemalige Parteichef der Linken, Oskar Lafontaine, bekannte sich kürzlich zu seinen katholischen Wurzeln und meinte, dass ohne Religionen Wertorientierungen und ethische Standpunkte für Menschen nicht möglich seien. »Wenn Gott tot ist, ist alles erlaubt«, brachte er seine Meinung auf den Punkt. Und obwohl mittlerweile sogar bedeutende christliche Theologieprofessoren die biblischen Worte für ein reines Menschenwerk halten, unterstützt der eventuell zukünftige Bundespräsident Christian Wulff die Machenschaften der bibeltreuen Religionsfanatiker von »ProChrist«.

Scharfe Kritik von säkularen Organisationen

»Hinter der bieder-leutseligen Schwiegersohn-Fassade Wulffs steckt ein Unterstützer knallharter evangelikaler Missionare«, verdeutlichte Rudolf Ladwig spontan seine persönliche Sicht auf die Kandidatur des bisher recht unauffälligen Juristen Wulff. Ladwig ist zweiter Vorsitzender des IBKA, der sich entschieden für die Trennung von Staat und Kircheninteressen einsetzt. Und auch Frieder Otto Wolf, als HVD-Bundespräsident der Vertreter Deutschlands mitgliederstärkster Interessenvertretung religionsfreier Menschen, erklärt: »Der Kandidat Christian Wulff lässt bisher ein klares Bekenntnis zur verfassungsmäßigen Trennung von Staat und Kirche vermissen.« Der Politikwissenschaftler, habilitierte Philosoph und ehemalige Europaparlamentarier konkretisiert: »Damit er akzeptiert werden kann, wird er deutlich machen müssen, dass er seine Haltung im niedersächsischen Kruzifix-Streit korrigiert und zumindest nicht fortzuführen gedenkt.« Wie auch Ladwig und Schmidt-Salomon hält er die Mitgliedschaft des Christian Wulff im »Pro Christ«-Kuratorium nicht vereinbar mit dem Amt des Bundespräsidenten.

Evangelikale bekannt für aggressive Vorgehensweisen

Denn sogar im Umgang mit Menschen aus den eigenen Reihen sind evangelikale Christen, die sich in der Bundesrepublik in der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA) zusammengeschlossen haben, nicht zimperlich. Nachdem der Schülerzeitungsautor Hannes Grosch 2008 kritisch über eine Großevangelisationsveranstaltung in Bremen berichtet hatte, erhielt er von aufgebrachten Evangelikalen anonyme Anrufe und sogar Todesdrohungen. Im NDR-Interview erklärte der Evangelikale Wolfgang Baake 2009, wie selbstverständlich er die Erzeugung öffentlichen Drucks auf die Verantwortlichen »ProChrist«-kritischer Veröffentlichungen versteht. Der Theologe und Journalist Baake ist Chef des christlichen Medienverbundes KEP, Beauftragter der DEA am Sitz des Deutschen Bundestages und PR-Chef von »ProChrist«. Sogar im NDR-Interview verdeutlichte der machtbewusste Fundamentalist Baake den kritisch fragenden Journalisten, wie er diesen gegenüber nach einer unerwünschten Berichterstattung aktiv werden könnte. Und der Herausgeber des Beitrags der rassismuskritischen Schülerzeitung »Q-Rage« und Direktor der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, meinte später: »Ich hab selten so einen organisierten Druck via Internet, Zeitung und über die politische Bande erlebt, wie in diesem Zusammenhang.«

Der Autor des Beitrages über das Christival, Grosch, versteht sich indes selber als Christ und nimmt von seiner damaligen Kritik an den Evangelikalen weiterhin keinen Abstand. Der Bundespräsidentschaftskandidat Christian Wulff von seiner Mitgliedschaft bei der radikalen Organisation »ProChrist« allerdings auch nicht, schließlich weiß er eine Mehrheit von CDU und FDP hinter sich. Und nach der in CDU-Kreisen umstrittenen Äußerung Aygül Özkans, neue Sozialministerin Niedersachsens, dass Kruzifixe nichts in Schulen verloren hätten, brachte Wolfgang Baake auch Wulff zügig wieder auf Linie.

Wulff engagiert sich für weitere zwielichtige Organisationen

Der Arbeitskreis Christlicher Publizisten (ACP) erfreute sich derweil noch am 19. Mai 2010 einer Rede von Christan Wulff. ACP ist eine Organisation, die sogar von den Kirchen öffentlich abgelehnt wird, »Nach Auffassung des Sektenbeauftragten der Evangelischen Landeskirche Hans-Jörg Hemminger handelt es sich bei der Zeitschrift des ACP um ein ‘Schmutzblatt erster Güte’, das am äußersten rechten Rand des Protestantismus angesiedelt ist, mit rechten Sektengruppierungen Kontakte unterhält und den sogenannten ‘Republikanern’ ein Forum bot«, gibt ein SPD-Antrag in Baden-Württemberg von 2003 die Meinung gemäßigter Christen wieder. Der Weltanschauungsbeauftragte der evangelischen Landeskirche in Hannover, Jürgen Schnarre, distanzierte sich in einer NDR-Sendung von Positionen dieses Publizistenkreises, für den Wulff sich noch kurz vor dem Rücktritt Köhlers engagiert hatte. Nur Zweifel an Wulffs Eignung für das Amt des Bundespräsidenten haben die Regierungsparteien CDU und FDP weiterhin keine.

In der Öffentlichkeit erhält Wulff derweil kaum die notwendige Zustimmung der Bevölkerung für eine Präsidentschaft. In einer nicht-repräsentativen Umfrage der ARD stimmten lediglich 12,3 Prozent der knapp 100 000 Stimmen für ihn. Und bei einer repräsentativen Forsa-Umfrage des Magazins »Stern« entschieden sich lediglich 32 Prozent für Wulff, 42 Prozent waren für den Gegenkandidaten Joachim Gauck. Dabei ist Gauck ebenfalls Kirchenmitglied und sogar Theologe. Durch entschiedene und eindeutige Parteinahmen wie die von Wulff fiel Gauck jedoch bisher weder in politischer noch in weltanschaulicher Hinsicht auf.

»Der Kandidat Joachim Gauck hat sich als ein korrekter Verwalter der Abwicklung der Stasi-Vergangenheit durchaus bewährt. Um als Bundespräsident akzeptabel zu sein, wird er aber seine Vergangenheit als protestantischer Pfarrer hinter sich lassen müssen«, meint deshalb HVD-Bundespräsident Wolf zu Gaucks Kandidatur. Rudolf Ladwig beurteilt zwar Gauck ebenso wie Wulff als auf »unterschiedliche Weisen Männer von Vorgestern«, findet jedoch abseits der politischen Kritik auch positive Worte für Gauck: »Er ist im Unterschied zum aalglatten Wulff lebensklug, redegewandt und hat Charisma.« Und Michael Schmidt-Salomon erklärt: »Natürlich ist auch Pfarrer Joachim Gauck aus konfessionsfreier Sicht kein optimaler Kandidat«. Dass die Wahl nur zwischen einem protestantischen Pfarrer und einem bibeltreuen Christdemokraten entschieden werden muss, beurteilt er als »erbärmlich« für das intellektuelle Niveau der Politik um das Amt des Bundespräsidenten und er fordert eine stärkere Berücksichtigung der Konfessionsfreien. Frieder Otto Wolf hingegen weist zusätzlich darauf hin, dass eine echte Mehrheit der deutschen Bevölkerung durch die Frauen gestellt werde, aber noch nie eine Frau das Amt der Bundespräsidentin inne hatte. Die einzigen früher diskutierten Kandidatinnen waren jedoch die Bischöfin Margot Käßmann und die CDU-Politikerin Ursula von der Leyen, die vor einiger Zeit die Bibel als Grundlage des Grundgesetzes beurteilt hatte.

Evangelikaler »Wulff im Schafspelz«

Im Internet organisieren sich derweil die ersten Gegner des evangelikalen Christian Wulff, der dank der christlich-liberalen Mehrheit in der Bundesversammlung bald Bundespräsident sein könnte. Auf Facebook klären in der Gruppe »Wulff im Schafspelz – nein danke!« die Kritiker des religiösen Fundamentalismus über die Verstrickungen Wulffs auf. Ein Politiker, der sich im Kuratorium der evangelikalen Vereinigung »ProChrist« engagiere, könne keine Bevölkerung repräsentieren, die zu mehr als einem Drittel konfessionsfrei sei und sich zur Hälfte als nicht-religiös einstufe, finden die Teilnehmer und meinen: »Mehr als 35 Prozent konfessionsfreie Menschen brauchen diesen Präsidenten nicht!«

Übernommen mit freundlicher Genehmigung von wissenrockt.de: http://www.wissenrockt.de/2010/06/09/entsetzen-uber-wulff-im-schafspelz/


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Kommentare 

 
0 #1 2010-06-16 07:31
Rücktrittsforde rung an Wulff, da er zu kriminellen Handlungen und Menschenrechtsv erletzungen des Bundesjustizmin isteriums schweigt

Wulff als Bundespräsident , nein danke. Scham- und tatenlos sieht er zu, wie sich das Bundesjustizmin isterium mit Falschaussagen gegen meine beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereichte Beschwerde verteidigte. Mehrmals bat ich ihn als CDU-Präsidiumsmitgl ied um Hilfe, da das Justizministeri um die Aufklärung meiner Vorwürfe verschleppt. Keine Antwort! Keine Zeit! Am 15. Juni habe ich in einem Offenen Brief seinen Rücktritt gefordert. Für Wulff zählen nur Macht und Posten, die Menschenrechtsk onvention ist ihm egal. Damit uns unsere Menschenrechte erhalten bleiben: Joachim Gauck. Mehr dazu auf meiner Homepage www.harro-wittek.de.
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