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Offener Brief an Herrn Diego Armando Maradona - Für den Fall, daß wir diese Weltmeisterschaft nicht gewinnen | Drucken |  E-Mail
Argentinien
Samstag, den 03. Juli 2010 um 09:55 Uhr

Diego Armando MaradonaLieber Diego, »Fussel«, »Goldjunge«, »Zehn«, »Gott«, »Dicker«!

Ich möchte Erinnerungsarbeit leisten, damit du dich nicht vergißt, und auch keinen der Argentinier.

Du warst ein Junge aus dem Elendsviertel von Fiorito, einer dieser informellen, ungesunden und labyrinthmäßigen Ansiedlungen prekärer Hütten, in denen die Vertriebenen hausen – Brutales Symptom der Marginalisierung und Armut, von der die Politiker lieber nicht sprechen, denn es würde bedeuten, die gesamte Rechtsstruktur des Systems in Zweifel zu ziehen.

Du hast gespielt, weil Fußball die Ablenkung der einfachen Leute ist, ein zeitloser Akt, der sie aus der unaussprechlichen Gegenwart reißt. Das Leben hatte dir fast alles verweigert und du wehrtest dich fußstampfend mit deinen kaputten Schuhen, so wie tausende argentinische Jungen.

1973 sagte irgendjemand zu dir: Junge, wir stellen eine Mannschaft für das »Evita-Turnier« auf, machst du mit?

Mit deinen dünnen Beiden und deinem »schwarzen« Gesicht wurdest du zum Albtraum des Turniers, niemand wollte sich dir entgegenstellen. »Die Zwiebelchen«, wie ihr euch nanntet, holten sich den Pokal und im folgenden Jahr gewannt ihr die Meisterschaft der achten Liga. Die Elf blieb 136 Spiele lang ungeschlagen, und weil die »Zwiebelchen« zu einer Sensation wurden, lerntest du Peru und Uruguay kennen, wohin ihr eingeladen wurdet. Du warst noch nicht einmal zwölf Jahre alt und schon Champion.

Irgendwem kam die Idee, dich in der Nachwuchsmannschaft der Argentinos Juniors spielen zu lassen. Das war einfach, und für dich wurde es die erste verbotene Tat deines Lebens. Sie änderten deinen Namen und machten dich zwei Jahre älter, damit du akzeptiert wurdest. Das war vollkommen sinnlos, denn als man dich spielen sah, fragten alle: Wer ist dieser Bengel? Wo ist dieses Wunderkind hergekommen?

Deshalb beschlossen sie, daß es das Beste wäre, dich in der Halbzeitpause der Partien der ersten Mannschaft einzusetzen, um die Fans mit Gaukeleien am Ball zu unterhalten. Du bist als Zauberer geboren, der Ball hat immer getan, was du wolltest. Oder war es umgekehrt?

Euphorisch bist du in dein Elendsviertel zurückgekommen: »Mama, sie haben mich bezahlt!«

Doña Dalma gab dir einen Kuß und dein Vater Diego schenkte dir ein Lächeln und einen herzlichen Klaps. Bis heute gibt es einen alten Werbespot von Coca-Cola, in dem dieser kleine Junge zu sehen ist, der Wunder vollbringt.

Mit zehn Jahren bist du zum ersten Mal in den Tageszeitungen aufgetaucht, den selben, die immer, wenn sie können, versuchen, dich wegen deiner Ideen zu zerstören. Clarín schrieb: »Da war ein Junge mit der Haltung und der Klasse eines Cracks...« Dieser Journalist wußte nicht, daß noch viele Seiten über den »Jungen aus Fiorito« zu füllen sein würden. In zwei Jahren klettertest du bei Argentinos Juniors um acht Klassen, von der neunten in die erste Mannschaft, und du begannst, deine Geschichte mit Toren zu schreiben. Obwohl du 1978 Torschützenkönig der Meisterschaft geworden warst, nahm dich Menotti nicht in die Nationalmannschaft auf, die die Weltmeisterschaft gewann, weil du noch zu klein warst. Aber ein Jahr später machtest du uns zum Jugendweltmeister.

Obwohl River dich engagieren wollte und dir das selbe anbote, was der damals am besten bezahlte Spieler Ubaldo Fillol verdiente, hast du dich für Boca entschieden, die damals in ernsten wirtschaftlichen Problemen waren und sich deinen Zuschlag nicht kaufen konnten. Du hast uns zu Champions gemacht, aber du bist nur kurz geblieben. Europa hat schon immer besser bezahlt, und du bist erst nach Sevilla und dann nach Neapel gegangen.

Die Weltmeisterschaft in Mexiko 1986 wird immer als »Maradonas Meisterschaft« in Erinnerung bleiben, und ich könnte viele Seiten mit den Emotionen füllen, die du uns hast erleben lassen. Jedesmal, wenn du den Ball in die Tiefen des Netzes befördertest, war es kein Tor von Maradona, sondern so etwas wie die Vergeltung aller Armen deines Volkes.

Die FIFA mußte dich zum besten Spieler des XX. Jahrhunderts wählen, wenn auch zähneknirschend, denn die Fußballoligarchen mögen dich nicht, Diego. Für uns warst du viel mehr. Ich werde niemals vergessen, als sie dich als Notfall ins Krankenhaus bringen mußten, weil du der Drogenhölle verfallen warst. Eine ängstliche Menge ließ den Verkehr in den Straßen um das Hospital zusammenbrechen. Jemand hielt ein großes Schild hoch: »Der Himmel muß warten«, ein anderer forderte: »Du wirst immer leben, Gott will keine Konkurrenz.« Noch einer: »Jesus ist einmal auferstanden, du tausendfach.« Und das vielleicht wichtigste Schild betete: »Diego, laß nicht nach, du kannst nicht verlieren. Vergiß nicht, daß Maradona für dich spielt.«

Du bist den Drogen entkommen, wie du nach jedem Schlag in den Rücken wieder aufgestanden bist. Aber die internationalen Medien huldigten immer deiner Drogensucht und jedem Fehler, den du begangen hast, denn was sie dir nicht verzeihen ist, daß du trotz allen Geldes, Ruhm und Ehre nie den Jungen aus Fiorito vergessen hast und sich in jeder deiner politischen Botschaften das Bewußtsein der Armen und Ausgebeuteten der Welt widerspiegelt.

Der Markt kann akzeptieren, daß du ein Fußballgenie bist, aber nicht, daß du zu einer Wiedergutmachung für eine durch mehrere Militärdiktaturen frustrierte und durch korrupte Politiker ausgeplünderte Gesellschaft geworden bist.

Sie akzeptieren – was bleibt ihnen auch anderes übrig? - das du ein Champion bist, solange du nicht die Gefühle der Besitzlosen ausdrückst, die glauben müssen, daß Gott doch nicht so weit weg ist.

Das werden sie dir niemals vergeben, Diego.

Die FIFA kann dir nicht vergeben, daß du für die gewerkschaftliche Organisierung der Spieler eintrittst, die du »Fußballarbeiter« nennst, denn das würde ein Geschäft zerstören, das alle vier Jahre Dollarmillionen bewegt.

Wenn Maradona eine Schule stiftet oder zu Spenden für gelähmte arme Kinder aufruft, erscheint das nicht auf der Titelseite irgendeiner Zeitung der Welt. Das Unverzeihliche sind nicht solche Aktionen an sich, sondern daß du dabei immer sagst, daß du nur etwas von dem zurückgibst, was die Mächtigen den Menschen stehlen.

Demagoge, Populist, Opportunist, Drogensüchtiger sind die Beschreibungen, die dir die Herren Verleger verpassen, wenn sie deinen Namen nennen. Zugleich verweisen sie immer auf die Erklärungen des Herrn Pelé, denn dieser sei so »gut«. Er setzt sich unter das Werbeschild irgendeiner Firma für Sportprodukte, läßt sich dafür natürlich bezahlen, um immer brav das System zu loben und dessen Interessen zu verteidigen. Davon lebt er.

Sie werden dir deine Besuche bei Chávez nicht verzeihen, und auch nicht, daß du dir Che auf den Oberarm tätowiert hast.

Das einzige Mal, als ich dir nahe war, war im November 2005, als du uns aus Anlaß des Gipfeltreffens der Präsidenten in Mar del Plata aufgerufen hattest, gegen die Anwesenheit von Bush in Argentinien zu demonstrieren.

Die großen Zeitungen der Welt haben in diesen Tagen nicht das Foto der argentinischen Nationalmannschaft veröffentlicht, die sich mit einem großen Transparent nach Südafrika verabschiedet hat: »Wir unterstützen die Nominierung der Großmütter der Plaza de Mayo für den Friedensnobelpreis!« Und sie brachten auch die Nachricht nicht, daß du in Pretoria Estela Carlotto, die Präsidentin dieser Vereinigung, die dafür kämpft, die unter der letzten Militärdiktatur verschleppten Kinder ihren wahren Familien zurückzugeben,  mit einer festen Umarmung empfangen hast.

Das wird nicht vergeben, Diego.

Wie du besser als sonst jemand weißt, ist der Fußball ein Spiel, dessen Ausgang man nicht vorhersagen kann. Du selbst hast es gesagt: »Es gibt keine Favoriten. Irgendjemand kann den Ball ins Eck treffen, und alles, was du getan hast, ist futsch!« Alles ist möglich, aber wegen all dem und noch viel mehr möchte ich dir sagen: Auch wenn das passieren sollte, mach dir keine Sorgen, denn uns gegenüber hast du deine Aufgabe schon erfüllt.

Danke, daß du Maradona bist.
Danke, daß du unsere Freude und unsere Hoffnung bist.
Danke, daß du den Jungen aus Fiorito nicht vergißt.
Danke, daß du uns alle immer würdevoll vertrittst.
Danke, Champion!

Von Carlos Malbrán, Buenos Aires
Übersetzung: André Scheer

Eine gekürzte Fassung dieses Textes erschien in der heutigen Ausgabe der Tageszeitung junge Welt

 

Kommentare 

 
0 #2 2011-05-18 18:34
vielen dank für diesen brief, er sprich mir aus der seele! wunderschön geschrieben, ich hätte es selbst nicht besser sagen können.
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-9 #1 2010-07-04 02:50
* Hochmut kommt vor dem Fall ! *

Maradona, Freund kommunistischer Diktatoren und der Camorra, hat den Spieler Thomas Müller nach seinem 1. Länderspiel geg. ARG aus der PK verwiesen!
-> http://www.youtube.com/watch?v=gUKpW1YefRY

Nun wird er Thomas M. der mit seinem Tor in der 3. Min. die
Demontage ARGs und des falschen "Gottes" Maradona einleitete, nie mehr vergessen. Karma nix machen. Mögen alle daraus lernen!
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