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Für die Freiheit, ohne Ethik zu leben? | Drucken |  E-Mail
Berlin
Sonntag, den 26. April 2009 um 10:17 Uhr
»In Berlin geht’s um die Freiheit« - »Am 26.April ist Tag der Freiheit« schreit es seit Wochen in Berlin von den Plakatflächen. Heute sind die Berlinerinnen und Berliner an die Urnen gerufen, weil es einem Bündnis aus christlichen Kirchen, CDU und ähnlichen Herrschaten nicht passt, dass der Religionsunterricht in Berlin ein freiwilliges Angebot an die Schüler und Schülerinnen in alleiniger Verantwortung der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften ist. Nach den Erfahrungen des Faschismus lautete das Argument damals: nur eine gemeinsame Erziehung aller Kinder ermögliche Toleranz. Deshalb ist Religion in Berlin auch heute noch ein freiwilliges Wahlfach. Die Schülerinnen und Schüler dürfen am Religionsunterriicht teilnehmen, die Benotung ist aber nicht versetzungsrelevant.

Am 7. Februar 2005 wurde in Berlin die 23-jährige Deutsche kurdischer Abstammung Hatun Sürücü offenbar von ihren Brüdern ermordet, weil sie ein Leben führte, das den Vorstellungen ihrer Familie nicht entsprach. Während die Tat weites Entsetzen hervor rief, äußerten drei Schüler einer achten Schulklasse in Berlin-Neukölln Verständnis für den Mord. Die »Hure« habe »selbst Schuld« gehabt, weil sie »wie eine Deutsche herumgelaufen« sei.

Unter dem Eindruck des Mordes und solcher Vorfälle in den Schulen beschloss das Berliner Abgeordnetenhaus wenige Monate später, ab dem Schuljahr 2006/2007 Ethik als Pflichtunterricht für alle Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I einzuführen. Der Religionsunterricht wurde nicht angetastet und kann daneben nach wie vor freiwillig besucht werden.

Gegen diese neue Praxis laufen die beiden großen christlichen Kirchen Sturm. Sie haben Angst, dass durch das Fach Ethik der Religionsunterricht an den Rand des Schulalltags gedrängt wird, dass sie weniger Kinder und Jugendliche ansprechen und als spätere Kirchensteuerzahler gewinnen können. Unterstützt werden sie dabei von der »Türkisch-islamischen Union der Anstalt für Religion - Ditib«, die von der türkischen Regierung gefördert wird. Die Ditib will ebenfalls den Islam-Unterricht an den Berliner Schulen durchsetzen und gestalten.

Der CDU-Politiker Christoph Lehmann gründete im März 2007 den Verein »Pro Reli«, der mit Unterstützung der Kirchen die notwendigen Unterschriften für einen Volksentscheid sammelte. Seitdem tobt eine Wahlschlacht. »Pro Reli« wirbt mit Prominenten wie Günther Jauch, Arne Friedrichs von Hertha BSC und vielen anderen. Günther Jauch begründet sein Engagement für »Pro Reli« auf der Homepage der Initiative so: »Religionsunterricht als gleichberechtigtes Fach ist mir wichtig, weil Ethik als alleiniges Pflichtfach Ausdruck staatlicher Intoleranz ist.«

Mit welchen Mitteln die Initiative um Unterstützer wirbt, zeigte sich im Fall Desirée Nick. Die Berliner Entertainerin und Dschungelkönigin a.D. war mit dem falschen Argument, Religionsunterricht solle in Berlin abgeschafft werden, als prominente Unterstützerin geworben worden. Die ehemalige Lehrerin für katholische Religionspädagogik ist mittlerweile von der Kampagne abgerückt, wie sie dem Berliner »Tagesspiegel« erklärte. »Ich bin drauf reingefallen ...Ich habe mich von Pro Reli abgewandt, nachdem ich erlebt habe, wie die Katholiken intolerant und fanatisch anderen Gläubigen gegenüber ihren Kreuzzug führen«.

»Pro Reli spaltet die Gesellschaft«, schreibt die Zeitung der DKP Berlin, »Berliner Anstoß«: »Die von den „christlichen“ Kirchen ins Leben gerufene Initiativgruppe „ProReli“ hat sich mit scheinheiligen Argumenten das notwendige Votum für ihr Volksbegehren zur Durchführung eines Volksentscheids beschafft, der am 26.04.2009 zur Abstimmung gestellt wird. Zur Unterstützung des Volksbegehrens forderte der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber, im Evangelischen Pressedienst (epd) die Christen in Berlin dazu auf, "aus ihrem Ja zur Kirche auch ein Ja zu diesem Volksbegehren folgen zu lassen". Da nur 265.000 Wählberechtigte durch ihre Stimmen das Volksbegehren möglich gemacht haben, ist der überwiegende Teil der „Brüder und Schwestern“ des Bischofs diesem Aufruf offenbar nicht gefolgt. Mit dem Argument, dass mit der geforderten sogenannten Wahlfreiheit zwischen den Wahlpflichtfächern Ethik und Religion die Demokratie gefördert wird, spaltet die Initiative „Pro Reli“ die Schülerinnen und Schüler. Ziel von „Pro Reli“ ist, das Fach Ethik auszuhebeln. 130 Religionsgemeinschaften in Berlin könnten dadurch den Anspruch auf Religionsunterricht geltend machen. Die Bemühungen der Schulen um Integration der Schüler unterschiedlichster Konfessionszugehörigkeit wären dann gescheitert. In der Bundesrepublik Deutschland ist der Grundsatz der Trennung von Staat und Kirche gesetzlich festgelegt. Religion ist die Privatsache jedes Einzelnen. Die von den christlichen Kirchen mit der Initiative „Pro Reli“ beanspruchte Deutungshoheit in ethischen und moralischen Fragen zeugt von großer Überheblichkeit und nachhaltigem Machtanspruch einer Minderheit gegenüber der Mehrheit des konfessionslosen Teils der Berliner Bevölkerung, der immerhin 65 % beträgt..«

Die Wahllokale sind heute bis 18 Uhr geöffnet. Um das Volksbegehren durchzusetzen, müssen sich nicht nur mehr als 50 Prozent der abgegebenen Stimmen für das Anliegen der Religionsanhänger aussprechen, sondern auch mehr als 25 Prozent der in Berlin Wahlberechtigten.

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