19 | 09 | 2019

Die meisten Leser dieser Zeitung wissen ziemlich genau, worum es in Venezuela geht. In den bürgerlichen Medien wird uns aber jeden Tag eine andere Version aufgedrängt, und das nicht erst seit dem Tag, an dem sich in Caracas ein bis dahin völlig unbekannter Jungpolitiker zum »Interimspräsidenten« von Washingtons Gnaden ausgerufen hat.

Wenn man also zu erfahren sucht, worum es nun wirklich geht, dann muß man einen Experten fragen, Und wer könnte das sein, wenn nicht der Außenminister von Luxemburg. Das ist ein Auskenner, ein mit allen Wassern gewaschener alter Hund in der internationalen Politik, und er hat es gern, wenn man ihn nicht nur mit den Mächtigen dieser Welt fotografiert, sondern auch, wenn man in diversen Quasselrunden deutscher TV-Sender seinen weisen Rat als der »dienstälteste Außenminister Europas« einholt. Nunja, da gibt es zwar im fernen Moskau einen gewissen Herrn Lawrow, der ein wenig länger als Jean Asselborn ein Außenministerium leitet, aber was weiß der schon von Außenpolitik? Und außerdem gehört Rußland ja bekanntlich nicht zu Europa…

Herr Asselborn, seines Zeichens ein führendes Mitglied der Sozialisten, hat nun dem sozialdemokratisch angehauchten »Tageblatt« gründlich erklärt, worum es wirklich in Venezuela geht. Nämlich um den »Einfluß Europas auf die Zukunft Venezuelas«. Nicht mehr und nicht weniger. Und seine Begründungen sind auch sehr eingängig und einleuchtend. In Venezuela bestand nämlich »die Gefahr eines Bürgerkrieges«. Die offenbar mit einem politischen Staatsstreich beseitigt werden sollte… Woher diese Gefahr kam, sagt Herr Quasselborn zwar nicht, aber das kann man sich ja denken angesichts des Elends der Menschen, die das »Maduro-Regime« verursacht hat. Naja, »der große nördliche Nachbar« habe diese Misere mit provoziert, räumt der Minister ein, »aber es war nicht Europa«!

Hat ihm denn wirklich keiner gesagt, daß die Sanktionen gegen Venezuela nicht nur von den USA, sondern auch von den EU-Staaten verhängt wurden? Anscheinend nicht, denn es macht ihm sehr zu schaffen, »wenn man sieht, wie das venezolanische Volk leiden muß«.

Und warum leidet der Minister so sehr mit den Venezolanern? Hier kommt die wichtigste Erkenntnis: »Im Falle Venezuelas, wo Millionen Menschen europäischer Abstammung leben, müssen wir als Europa unsere Stimme erheben.« Hört, hört! Nur gut, daß in den anderen Ländern des amerikanischen Kontinents nicht so viele Leute von europäischen Einwanderern abstammen, sonst müßte wir auch noch unsere Stimme erheben, wenn zum Beispiel in Brasilien ein Präsident nur deshalb gewählt wird, weil der eigentlich aussichtsreichste Bewerber unter miesen Vorwänden ins Gefängnis gesteckt wurde. Daß es bei den Wahlen in den USA auch nicht mit rechten Dingen zugeht, und daß der Herr Trump von einem deutlich geringeren Anteil der Bürger gewählt wurde als zum Beispiel Nicolás Maduro, ist ja nun alles andere als ein Staatsgeheimnis.

Bei den USA ist das in Ordnung, aber in Venezuela gibt es laut Asselborn »nur einen Ausweg aus der Situation, und das sind vorgezogene Präsidentschaftswahlen«. Auf die Idee, daß er sich gemeinsam mit seinen politischen Freunden in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates einmischt, kommt er natürlich nicht. Warum sollte er?

»Wenn wir wegschauen, dann hat Europa keinen Einfluß auf die Zukunft Venezuelas«, sagt Luxemburgs Außenminister. Daß er damit die überaus reichen Ressourcen Venezuelas meint, und nicht die Menschen und deren Zukunft, müssen wir allerdings zwischen den Zeilen lesen.

Uli Brockmeyer

Quelle:

Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

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