|
Einige der sechs noch vermissten deutschen Teilnehmer der von Israel angegriffenen Freiheits-Flottille werden offenbar in dem israelischen Gefängnis Beerscheba festgehalten. Das wurde aus dem Umfeld des Auswärtigen Amts bekannt. Unterdessen sind fünf der insgesamt elf deutschen Aktivisten körperlich gesund nach Deutschland zurückgekehrt. Unter den bislang bestätigten neun von Israel getöteten Teilnehmern der Flottille sind nach Angaben der türkischen Regierung in Ankara mindestens vier türkische Staatsbürger. Auch die übrigen fünf Todesopfer stammen wahrscheinlich aus der Türkei.
Die nach Deutschland zurückgekehrten Teilnehmer haben unterdessen bei einer Pressekonferenz schwere Vorwürfe gegen Israel erhoben. Der renommierte Völkerrechtler Norman Paech sprach von einem »Kriegsverbrechen und klaren Akt der Piraterie« in internationalen Gewässern gehandelt. Paech wies auch die israelische Darstellung zurück, die maskierten Elitesoldaten seien angegriffen worden und hätten nur »zur Selbstverteidigung« geschossen, weil sie mit Eisenstangen, Äxten und Messern angegriffen worden seien. Er selbst habe auf der »Mavi Marmara« nur »zwei lange und einen etwas kürzeren« Holzstöcke gesehen. »Es ist ein völliger Hohn, hier von Selbstverteidigung auf israelischer Seite zu sprechen. Grundsätzlich muss gesagt werden, dies war ein Angriff auf eine friedliche Mission in internationalen Gewässern, gegen den man sich mit den selben Mitteln verteidigen dürfte, mit denen man angegriffen wird. Wir waren nicht auf einen derartigen Angriff vorbereitet. Von Anfang an war uns klar: Keine Gewalt. Widerstand gegen solche Soldaten ist chancenlos. Die Soldaten waren so ausgerüstet, wie wir das aus Afghanistan oder dem Irak kennen. Alle waren maskiert und sie trugen riesige Gewehre. Auf einem konnte ich lesen: Made in USA,« unterstrich Paech.
Die Bundestagsabgeordneten der Linksfraktion, Inge Höger und Annette Groth, berichteten, sie seien zusammen mit allen mitreisenden Frauen während der Erstürmung am frühen Morgen auf einem Unterdeck eingeschlossen gewesen. »Wir haben uns wie im Krieg gefühlt,« sagte Höger und rief Tel Aviv auf, alle Festgenommenen freizulassen. Die Delegation habe friedliche Zwecke verfolgt, »niemand hatte eine Waffe«. »Es ist unglaublich, dass erst 16 bis 19 Menschen sterben mussten, um die Blockade von Gaza wieder zu thematisieren.«
Matthias Jochheim, der für die Ärzte-Friedensorganisation IPPNW an der Flottille teilgenommen hatte, berichtete von vier Toten und 50 Schwerverletzten, die er selbst gesehen habe. Nader el Saqa von der Palästinensischen Gemeinde Deutschland e.V. sagte, der Überfall sei »eine Kriegserklärung Israels an alle auf den Schiffen vertretenen Nationen«.
Noch immer hält Israel zahlreiche Menschen fest, die sich weigern, eine ihnen vorgelegte »Deportationserklärung« zu unterzeichnen. Zu ihnen gehört auch der Journalist der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Mario Damolin. Darauf weist die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di hin und fordert die unverzügliche Freilassung ihres Mitglieds aus der israelischen Haft. »Wir danken dem israelischen Journalistenverband, der sich vor Ort durch Vermittlung unserer gemeinsamen Dachorganisation, der Internationalen Journalisten-Föderation IJF, nachdrücklich für die Freilassung einsetzt und sich um das Schicksal der nach Presseberichten 15 festgenommenen Journalisten kümmert«, heisst es in der dju-Pressemitteilung. Auch ein Reporter des lateinamerikanischen Fernsehsenders TeleSur wird von Israel noch festgehalten.
Die israelische Regierung versucht unterdessen, mit Videoaufnahmen ihre Version der Ereignisse zu bekräftigen. Auf der Homepage des israelischen Außenministeriums sind bei Youtube eingestellte Videos zu sehen (http://www.mfa.gov.il/MFA/Government/Communiques/2010/Israel_Navy_warns_flotilla_31-May-2010.htm), die laut Selbstdarstellung »angegriffene Soldaten und Beispiele für Waffenfunde an Bord« zeigen. Zu sehen sind unter anderem bunte Kinder-Spielzeug-Murmeln (Foto), sowie Hämmer, Äxte, Stangen und anderes, was auf Frachtschiffen nicht ungewöhnlich sein sollte. Gewehre, Pistolen oder ähnliches kann die israelische Armee hingegen nicht präsentieren und sind auch auf den veröffentlichten Aufnahmen von den Auseinandersetzungen an Bord im Augenblick der Enterung nicht zu erkennen.
- Audi (MP3): Pressekonferenz der Linke-Abgeordneten nach ihrer Rückkehr: Hier klicken
Verwandte Artikel:
Neuere Artikel:
Ältere Artikel:
|